CoHousing inclusive – und wo bist Du Zuhause? Interview mit Michael LaFond

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„Wo ich wohne ist ein Teil meiner Identität.“ Michael LaFond ist einer von vielen Engagierten der Spreefeld Genossenschaft, die sich als ein Pionierprojekt in besonderer Lage an der Spree fortwährend weiterentwickelt. Ehemals Ackerland, war es dann Industrieareal und später Teil des Grenzgebietes Ost-Berlin. Das Gebiet zog Akteure der Clubszene und Besetzer*innen ebenso an wie später internationale Inverstor*innen.

Stadtpolitische Aktivist*innen leisteten gegen exklusive Entwicklungen an der Spree Widerstand. Die Spreefeld-Initiative hat über viele Jahre nach Wegen gesucht und experimentiert, welche alternativen Nutzungskonzepte hier an diesem Ort sinnvoll sind und vorallem, wie das Gelände dem spekulativen Immobilienmarkt entzogen werden kann. 2014 konnte das Spreefeld CoHousing Projekt bezogen werden.

Kürzlich ist das Buch „CoHousing inclusive – selbstorganisiertes, gemeinschaftliches Wohnen für alle“ erschienen, herausgegeben von Michael LaFond und Larisa Tsvetkova. Als Architekt & Stadtplaner, Visionär & Aktivist, Dozent & Vernetzer sowie langjähriges Mitglied der Spreefeld-Initiative lebt und arbeitet Michael LaFond in der Spree WG im Spreefeld CoHousing Projekt.

DAS INTERVIEW

Was ist für Dich der schönste Moment, wenn Du Nach Hause kommst?
Michael LaFond: Ich muss sagen, der schönste Moment ist wenn ich nach Hause komme und die Leute sind gerade beim Kochen, zum Beispiel in der WG Küche. Die WG Küche ist im Prinzip das Herz des Hauses und das ist toll, hier spielt sich auch das Gemeinschaftsleben ab.

Du hast die Experimentdays 2009 ins Leben gerufen, die bereits 10 x stattgefunden haben. Was sind Deine schönsten Erlebnisse davon?
Michael LaFond: Sie haben seit 2003 sogar schon 15 mal stattgefunden. Im Oktober 2017 war es sehr international, das war ganz motivierend, dass Experten und Aktivisten aus verschiedenen Ländern zusammenkommen. Es ist toll zu wissen, dass es da eine Bewegung gibt.

2017 fanden die Experimentdays 2 x statt. Im Mai für Initiativen und Akteure im deutschsprachigen Raum und kürzlich im Oktober für ein internationales Publikum. Was nimmst Du davon konkret mit?
Michael LaFond: Auf jeden Fall das Zusammenkommen, der internationale Austausch und die Motivation. Viele beispielhafte Projekte und Initiativen sind nach Berlin gekommen.

Was bedeutet für Dich inklusives Wohnen?
Michael LaFond: Inklusives Wohnen bedeutet nicht exklusiv zu sein. Inklusiv heißt zugänglich, bezahlbar und vielfältig zu handeln. Es soll Optionen für alle geben. Für das Buch CoHousing Inclusive haben wir drei Zielgruppen extra Aufmerksamkeit geschenkt: Menschen mit weniger Geld, Menschen mit Behinderungen und Geflüchtete – Gruppen die aktuell große Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt haben.

Nenne uns wichtige Erfahrungen, die Du bei der Mitentwicklung des CoHousing Projektes Spreefeld Berlin gemacht hast und die Du weitergeben möchtest.
Michael LaFond: Im Bezug auf das Thema Sharing Economy ist die Motivation wichtig, Räumlichkeiten sowie Gegenstände und Gärten zu teilen. Außerdem erkennen wir Potential in der Kombination von Initiativen, beispielsweise CoWorking, CoHousing und Community Gardening. Diese Mischnutzungen sind interessant genauso wie die vielen Beteiligungsmöglichkeiten. Eine positive Überraschung ist auch immer wieder die starke Prozessorientierung der Bewohner.
Strukturen können sich mit der Zeit entwickeln und verändern, wenn es Optionsräume gibt, die prozessorientiert bestimmt sind. Wir sehen das Raumprogramme und Strukturen die in der Bauzeit noch offen und nur provisorisch angelegt waren sich nach und nach etablieren können.

Was sind heute die größten Herausforderungen im Zusammenleben in der Spreefeld?
Michael LaFond: Wahrscheinlich sind es kleinere Konflikte die man Herausforderung nennen kann. Man sieht wie wichtig es ist, Leute zu involvieren, im Durchschnitt sind von 150 Personen nur 30 involviert, da hier ein Freiwilligkeitsprinzip herrscht.

Was bedeutet für Dich Identität?
Michael LaFond: Menschen wollen sich ausdrücken und entwickeln. Sich identifizieren heißt mitverwalten und auch mitgestalten. Viele wohnen aber heutzutage in der Großstadt Berlin unbeteiligt und anonym. Aber als Mensch ist es wichtig zu wissen, wo man zuhause ist. Wo ich wohne ist ein Teil meiner Identität. Menschen die in eine CoHousing Umgebung ziehen sehen ihren Wohnraum mehr als Teil ihrer Identität als andere, das hat viele Gründe. Menschen die sich an CoHousing Projekten beteiligen sind sich aber zuerst auch nicht immer genau bewusst was sie erwarten dürfen.
Viele wissen noch gar nicht, was sie genau suchen wenn es um das Thema CoHousing geht und lassen sich daher von verschiedensten Eindrücken begeistern und beeinflussen.

Als Du id22: Institut für kreative Nachhaltigkeit gegründet hast, was war Deine erste Vision oder die ersten Ziele?
Michael LaFond: Begonnen hat alles in der UfaFabrik in Berlin, einem ökologischen und kulturellen Modellprojekt in Tempelhof. Aus der Kommune bzw. der Besetzung heraus ist heute das Projekt entstanden. Im Jahr 2003 haben wir diesen Verein gegründet. Inspirationen dafür gabe es schon 2000 als wir das id22 Festival für Ökologie, Kultur und Gemeinschaft ins Leben gerufen haben. Durch pragmatisches, praktisches, visionäres und utopisches Denken und Handeln haben wir uns zusammengefunden und z.B. selbstorganisierte, gemeinschaftliche und gemeinwohlorientierte Wohnprojekte gefördert.

Exkursionen zu Wohnprojekten und sonstigen selbstbestimmten Initiativen in Berlin bietest Du seit vielen Jahren an, auch barrierefrei. Woher kommen die Teilnehmer*innen?
Michael LaFond: Wir bieten unsere Exkursionen nun bestimmt schon seit zehn Jahren an. Es gibt zum Beispiel creative sustainability tours aber auch Tours für Geflüchtete. Ausserdem machen wir verschiedene Stadtführungen und Workshops. Die Besucher sind oft studentische Gruppen, Verwaltungenoder Stiftungen. Mindestens die Hälfte kommt aus dem Ausland, zum Beispiel Gruppen die nach Berlin wollen um nach Innovationen zu suchen. Wir haben auch Gruppen die jedes Jahr wieder kommen.

Was wünscht Du Dir für Euer Wohnprojekt?
Michael LaFond: Ich wünsche mir, dass unsere Vision erhalten bleibt. Das was jetzt ist soll nicht alles sein, wir ändern uns stetig und nach drei Jahrzehnten ist es schön noch Optionen zu haben. Austauschmöglichkeiten sind mir wichtig und es gibt auch Ideen für die Zukunft. Interessant ist beispielsweise wie das CoHousing auf internationaler Ebene funktionieren kann. CoHousing in verschiedenen Ländern zu ermöglichen wäre ein Wunsch.

Was wünschst Du Dir für die Stadtentwicklung in Berlin?
Michael LaFond: Die Stadtentwicklungspolitik sollte an Inklusion denken, man muss sich eine neue Gemeinwohlorientierung aneignen, weg von Spekulation hin zu der Thematik wie wir mit unserem Boden und Wohnraum umgehen. Das Ziel ist es, nicht gewinnorientiert sondern demokratisch und partizipativ zu denken.

Jetzt hast Du 3 Wünsche für Dich offen von einer Fee …
Michael LaFond: Die Stadtentwicklung liegt mir am Herzen. In einer entspannten, toleranten, leistbaren Stadt zu leben. Leider wird die Welt um uns immer exklusiver, Leute haben immer mehr Ängste was wie man sieht oft zu rechtslastigen Initiativen führt. Menschen glauben sie müssen mehr an private Sicherung denken als an Gemeinschaft was mit neoliberalen Vorstellungen zu tun hat. Da muss man dagegen halten. Vielfalt ist nicht nur interessant sondern für die Nachhaltigkeit notwendig und das sollten wir unterstützen.
Ein weiterer persönlicher Wunsch ist, die kommenden Jahre zu genießen und eine nachhaltige Entwicklung mitzuerleben, die es durch die Wahrnehmung von Qualitäten ein schönes Zusammenleben ermöglicht.

Was ist Dein Lebensmotto?
Michael LaFond: Ein Zitat von Albert Einstein. “There are only two ways to live your life: one as though nothing is a miracle, the other as if everything is a miracle. I believe the latter.”

Das Gespräch führte Marie Reichmann, Architekturstudentin an der TU Berlin – derzeit auf Forschungsreise zum Thema besondere Wohnformen und nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung.

Links: Buch „CoHousing Inclusive – Selbstorganisiertes, gemeinschaftliches Wohnen für alle“ // www.id22.net // www.cohousing-berlin.de

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