Von Athen lernen: documenta 14 in Kassel

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„Green People Are a Recent Invention“ POPE.L, geb. 1955, Newark/New Jersey, Arbeit aus der Serie „Skin Set Drawings“ 1997–heute, Filzschreiber auf Pergamentpapier / documenta Halle

Hingehen, erfahren, erfühlen. Noch 40 Tage lang, bis zum 17. September, präsentiert sich Kunst aus aller Welt auf der documenta 14 in Kassel. Das Format der aktuellen documenta ist in seinem Umfang und den Inhalten absolut sehenswert. Sozial-politisch ist fast jedes der Werke und das macht es für den Betrachter außerordentlich spannend. Die Künstler*innen beobachten sehr genau, was um sie herum und im größeren Kontext des Weltgeschehens gerade passiert.

Auch die Statements und die Vielzahl ausgewählter Künstler*innen vom afrikanischen Kontinent sind in dieser Dichte eine Ausnahme. Flucht, Ankommen, Heimat, Identität spielten schon immer eine Rolle auf der documenta. Auch Skulpturen auf Gebäuden in der Innenstadt aus vergangenen Kunstschauen erinnern daran. Beeindruckend ist auch der Obelisk von Olu Oguibe aus Nigeria mit 16,20 m Höhe mitten auf dem Königsplatz: „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ steht auf den vier Seiten in vier verschiedenen Sprachen. Drumherum warten Menschen aus aller Welt auf die Tram. Hier ist jetzt ihr neues Zuhause.

 

Das Panthenon der verbotenen Bücher (links) am Friedericianum, dem ersten Ausstellungsort der documenta 1955. Rechts der Zehrener Turm mit Rauchzeichen

Es wird an Pioniere und Aktivisten aus den 1960ern angeknüpft, die Kassler Wohnprojekt-Kommunen stelllen sich in einer Installation vor und wer Schach spielen möchte kommt auch zum Zug (beides in der Gottschalk-Halle). Besucher auf der Athener documenta und in Kassel konnten sich hier bis Mitte Juli auf dem digitalen Schwarz-Weiss-Brett begegnen. Eine ganz andere Faszination bietet der Rundgang durch die Neue Galerie. Die Zeitreise mit Dokumentationen und Werken aus vergangenen Epochen vermischt sich mit einprägsamen Videoinstallationen von Heute. Der Wahnsinn der Enteignung der jüdischen Bevölkerung in Kassel, der akribisch in hunderten von Büchern notiert wurde, prägt sich tief ein.

Ohne Frage – hier wird die Denk- und Gefühlswelt angeregt.

Einen besonderen Reiz hat es, durch die documenta viele versteckte Orte der Stadt Kassel überhaupt erst zu entdecken. Wie beispielsweise die ungenutzen unterirdischen Gleise im Kulturhauptbahnhof. So entsteht eine fast intime Nähe mit der im 2. Weltkrieg stark verletzten Stadt. Für Spaziergänge zum reflektieren, ausruhen inklusive Picknicks, bietet sich als grüne Oase die weitläufige Karlsaue an, die gleich unterhalb der documenta Halle beginnt.

Joseph Beuys war übrigens der einzige Künstler, der insgesamt an acht documenta’s beteiligt war. Seine 7000 Eichen erinnern an ihn in der gesamten Stadt. Als soziale Plastik, eine Erfindung Beuys, sind die Bäume jeweils in Verbindung mit einem Basaltstein zu erkennen und Teil einer der bedeutendsten Kunstaktionen des 20. Jahrhunderts. Wer den ersten und letzten gepflanzten Baum sehen möchte, beide haben vor dem Friedericianum auf dem Friedrichsplatz ihr Zuhause. Tipp: Die Idee der Sozialen Plastik hat Johannes Stüttgen als Künstler, Autor und Schüler Beuys weitergeführt. > OMNIBUS für Demokratie

 

„When We Were Exhaling Images“ HIWA K., geb. 1975, Kurdistan/Irak, 2017, In Zusammenarbeit mit Diplomstudenten (Produktdesign) der Kunsthochschule Kassel, gegenüber der documenta Halle

Kuratiert hat die 100 Tage währende Kunstschau in Kassel und Athen ein 15köpfiges Team unter Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14. In Athen war die documenta von April bis Juli zu sehen.

Praktisches: Es gibt Tagesticket (22 EUR), Tickets für 2 Besuchstage und die Dauerkarte (100 EUR). Das Abendticket (10 EUR) gilt von 17 bis 20 Uhr. An Wochenenden kann es hier zu Warteschlangen kommen: Parlament der Körper (Friedericianum), documenta Halle und Neue Galerie.

www.documenta-kassel.com
www.documenta14.de

documenta 1955-2017
Eventprogramm

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